Hört die Jugend noch Radio? Ein deutsch-niederländischer Vergleich

Autor: Student des Seminars ›Digitaal Duitsland‹

Es steht schlecht um den niederländischen Jugendsender 3FM – das hat die jüngste Einschaltquote noch einmal bestätigt, denn ein historischer Tiefpunkt von nur 2.5% Marktanteil wurde erreicht. Auch ein großer Jugendsender in Deutschland, 1Live, hat mit Schwierigkeiten zu kämpfen, denn die Einschaltquoten verraten, dass auch dieser Sender seine Zielgruppe nicht mehr erreicht. Doch die Frage muss grundsätzlicher gestellt werden: Hört sich die Jugend in Deutschland und den Niederlanden heute überhaupt noch Radio an?

Mit dem Aufstieg von Streamingdiensten wie Spotify und YouTube ist es jederzeit möglicht, Musik nach Maß zu hören. Die neuesten Hits verbreiten sich schneller und besser durch das Internet als durch das Radio. Die Radiosender kommen dadurch in eine schwierige Situation: Wie können sie den Kontakt zu ihren Zuhörern halten? Und gehen der deutsche und der niederländische Jugendsender unterschiedlich mit dieser Situation um?

Bei 1Live glauben sie daran, dass Leute sich noch immer lieber von echten Menschen als von Algorithmen leiten lassen, so meint der Redaktionsleiter Webauftritt und Social Media,
Maurice Gully. Die Echtzeit und der Kontakt seien sehr wichtig. Der Einfluss von Spotify werde  überschätzt, schließlich habe die Jugend früher auch CDs gekauft. Doch es gibt bei 1Live wohl tatsächlich ein Problem mit der Zielgruppe, denn das Durchschnittalter der Zuhörer ist ungefähr 34 Jahre – eigentlich sollte man hier überhaupt nicht mehr von einem Jugendsender sprechen.

Vielleicht ist Spotify nicht so ein neues Phänomen, die Jugend hat früher auch CDs gekauft. (Maurice Gully, 1Live)

Beide Sender betonen ihre Sonderposition. So versuchen sie beide, jungen Künstlern eine Plattform zu bieten, die sie sonst bei anderen Sendern nicht bekommen hätten. 3FM spielt viel Musik, die es bei keinem anderen Sender gibt. 1Live nennt auch die Nachrichten einen wichtigen Teil ihres Programms. Auffällig sind auch die ähnlichen Themen, die die Sender besprechen – bBide hatten zum Beispiel eine Themenwoche zu Depression (siehe Videos).

Themenwoche Die dunkele Seite bei 1Live:

Themenwoche #TRUESELFIE bei 3FM:

Bei 3FM ist der Abwärtstrend an seinen Marktanteilen schon länger erkennbar. Während es früher einer der beliebtesten Radiosender war, mit Marktanteilen von mehr als 10 Prozent, ist es jetzt einer der unpopulärsten geworden. Mit einer Online-Strategie im Rahmen des Social Radio versucht der Sender seit 2015, junge Leute auch online an sich zu binden. Diese Online-Strategie ist aber Teil eines breiteren Versuchs, die Jugend für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu begeistern, dabei spielt auch der Jugendfernsehsender NPO3 eine Rolle. Doch trotz dieser Versuche hat sich die Einschaltquote noch nicht verbessert.

Fünfzig Prozent der Musik auf 3FM ist nicht bei anderen Sendern zu hören. Für niederländische Künstler ist 3FM unverändert wichtig. (Jurre Bosman, 3FM)

Bei beiden Sendern liegt die Problematik sowohl in der Einschaltquote als auch im Durchschnittsalter begründet. Bei 1Live werden jetzt nicht so viel neue Songs gedreht, sondern mehr die Songs, die die Zuhörer an ihre Jugend erinnern. Auf diese Weise halten die Sender zumindest ihr Stammpublikum. Die zentrale Frage bleibt aber, so Herr Gully, ob 1Live mit der Jugendwelle mitwachsen soll oder jung bleiben muss. Die letzte Option klingt vielleicht logischer, würde aber wiederum für eine Abnahme der Stammhörer sorgen.

Die Herausforderungen für die Jugendsender sind klar: Wie erreichen sie die Jugend in einer sich schnell ändernden Medienlandschaft? Die Online-Strategie von 3FM hat noch nicht die gewünschten Resultate gehabt und bei beiden Sendern wird das Durchschnittsalter der Zuhörer immer höher. Mit aktuellen Themen wie Depressionen oder der Tod von Avicci unlängst, versuchen sie, die Jugend wieder für sich zu gewinnen. Aber ob die Jugend auf diese Weise den Weg zum Radio wieder zurückfindet, bleibt völlig ungewiss.

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